Von: Marc Weissenborn am 17. November 2014 In: Erfolgsfaktoren Comments: 0

Turnaround Management kann heißen, die Produktion eines Unternehmens im nächsten Jahr nach Asien zu verlagern. Turnaround kann aber auch heißen, als Kapitän auf die Nachricht: „Achtung da vorne kommt ein Eisberg!!!“ adäquat zu reagieren. Oder auf „Das war ein Eisberg!!“. Kurz gesagt, Turnaround Manager sind auch Krisenmanager.

Soll ein Krisenmanager beschrieben werden, kommen Bilder von sehr fleißigen, sehr kompetenten, durchsetzungsstarken und eloquenten Personen in den Kopf. Machertypen, die keine Freizeit und Familie mehr kennen, die ihren täglichen Frühsport um 5:00 beenden. Dies ist nicht grundsätzlich falsch, beschreibt jedoch nicht zwingend die besonderen Eigenschaften, die zum Erfolg führen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Unternehmen sucht dringend einen krisenfesten Manager zur Fortführung eines aus dem Ruder gelaufenen Projektes. Solche Projekte kommen in der Realität bekanntermaßen sehr häufig vor, Flughäfen und Opern sind nur sehr prominente Beispiele. Drittes und entscheidendes Bewerbungsgespräch.  Dann kommt die viel gehörte Frage: Sagen Sie einmal Frau Müller, welche besonderen Fähigkeiten bringen Sie eigentlich für diese Aufgabe mit?

Wo es gerade um Bewerbungsgespräche geht: Wer einen unkonventionellen Verlauf bevorzugt und sich selbst schon einem ersten Stresstest aussetzen möchte, möge einmal die Eigenschaft Ungeduld als eine Stärke formulieren. Ohne Gewähr natürlich! Im echten Arbeitsalltag ist Ungeduld eher hilfreich. Dies ist auch ein Grund warum Ungeduld gerne als eine so genannte Schwäche genannt wird.

Zurück zum Gespräch: Frau Müller ist vorbereitet, lächelt und antwortet gelassen: Besondere Fähigkeiten? Nun ja da wäre zunächst einmal…Faulheit…

Aha…..bitte? Der Interviewer guckt auf seinen Zettel, ob er vielleicht doch erst nach Schwächen gefragt hat?

Mut zur Faulheit! Aber warum?

Faulheit fördert schnell sein, ganz nach dem Motto: Wenn man schon aufräumen muss, dann aber zügig. Dies führt zur Entwicklung effizienter Problemlösungen. Faul sein sichert den Turnaround Manager davor, mit Herzinfarkt umzukippen. Faule Leute holen sich energiespendende und notwendige Ruhepausen. Natürlich darf Faulheit immer nur Ansporn zur Tatkraft sein und niemals echtes Nichttun meinen. Dies passiert in Krisen in der Regel nicht, da der Manager durch permanenten Kontakt mit der Materie immer auf der Höhe ist. Da sorgt die Krise schon für!

Der Faule geht bei wiederkehrenden Fehlern den Sachen auf den Grund, weil er keine Lust hat, damit immer wieder konfrontiert zu werden. Der Faule will keine Krankheiten beschreiben, sondern Dinge einfach beseitigen. Auch das ist Turnaround Management. Der Fleißige denkt, schneller zu rudern bringt ihn schneller in den Hafen. Der Faule denkt, der schnellste Weg zum Hafen ist das Erfolgskonzept. Die Wahrheit liegt in der Mitte, der eine kommt nicht ohne den anderen aus! Wer faul ist, will delegieren und hält aus, wenn andere es anders machen, als man selbst es tun würde.

Mut zur Faulheit heißt nämlich auch, nicht jedem Ansinnen zu folgen und nicht im Sumpf der Krisensymptome zu versinken, nicht jedem Ersuchen nachgeben. Es meint nichts anderes als die Kunst, Nebenkriegsschauplätze zu ignorieren. Heißt das nun, durch ausreichend Faulheit wird das Projekt auf jeden Fall gerettet? Natürlich nicht, diese spezielle Form der Faulheit muss von anderen, besonderen Fähigkeiten begleitet sein. Fleiß ist per se nichts schlechtes, aber auch kein strategisches Vorgehen.

  • Unfertiges stehen lassen können.
    Nie alles komplett abschließen zu können, widerstrebt dem natürlichen inneren Drang nach sauberem Abschluss. Der Drang, der uns wahnsinnig macht wenn die letzten zwei Abspann Sekunden im Film zu früh abgeschnitten werden. Singen Sie sich innerlich eine kurze Strophe eines ihnen bekannten Liedes vor und lassen die letzte Silbe oder das letzte Wort weg. Dann machen Sie es laut. Genau dieses Gefühl ist gemeint. Und wehe Sie singen doch noch das letzte Wort.
  • Lust am Führen.
    Führungsstärke ist notwendig. Die Lust daran, Leute hinter sich zu bringen, ist dabei bestimmend. Die Kunst besteht dabei darin, sich mit ergänzenden Fähigkeiten zu umgeben. Turnaround Manager benötigen eine komplette und unmittelbar beeinflussbare Steuerungsstruktur, die alle Rollen beinhaltet. Es gehört zum Beruf, Menschen zu mögen und auszuhalten.
    Hierbei gilt das gleiche Prinzip wie bei Aufbauspielen: Je früher Schlüsselpersonen an sich gebunden sind, umso schneller wird die Krise zurück ins Normale geführt. Gute Krisenbewältigung verläuft oft exponentiell. Zu Beginn sind lange kaum Veränderungen sichtbar, dann werden erste kleine Inseln des Normalen wahrgenommen bis es immer schneller geht.
  • Distanz halten.
    Jeden Tag kann alles passieren. Diese Grundhaltung erleichtert mit Sicherheit den Alltag in komplexen Umfeldern. Chaos ist ansteckend, ebenso wie Hektik. Beides sind häufige Krisenbegleiter, jeder will schnell wieder zurück ins Normale. Distanz wahrt die Beobachtungsgabe. Distanz ist ein gesundes Schutzschild gegen ungewollte Beziehungsangebote. Ein Turnaround Manager muss frei handeln können, um mit ungewöhnlichen Mitteln agieren zu können, er darf keine Angst haben, gegen Konventionen zu verstoßen.

Und Frau Müller hat die Stelle dann übrigens bekommen und das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss geführt.

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