Von: Rainer Raupach am 5. September 2014 In: NOVEDAS Comments: 1

Machtkämpfe in Projekten sind unvermeidbar und nützlich. Der Umgang mit Machtkämpfen kann beeinflusst werden, und damit das auch Ergebnis des Projektes. Dabei sind die innere Verfassung sowie die Art des Auftretens wichtige Faktoren für den Ausgang eines Machtkampfes.

Man kann sich fragen: Sollte man das nicht ganz lassen, mit den Machtkämpfen, zumindest in Projekten? Als Projektleiter hat man doch bereits eine Machtstellung. Die wird genutzt und fertig. Wer sein Projekt ordentlich führt, benö- tigt keine Machtkämpfe. Dies ist verständlich, Machtkämpfe haben tendenziell eine schlechte Reputation, haben den Ruch, dass das Projekt nicht stabil geführt ist. Hilft alles nichts, Machtkämpfe können nicht verhindert werden. Oder anders formuliert, dem Machtkampf ist es egal, ob er für notwendig gehalten wird. Machtkämpfe entstehen bereits bei der Initiierung eines Projektes. Bei der Festlegung von Besetzung, Struktur, Budget, und Ziele. Sie werden von außen in das Projekt getragen und von innen initiiert. Projektlenkungsausschüsse sind gern gewählte Arenen für Machtkämpfe im Projektverlauf. Machtkämpfe sind systemimmanent, sie dienen dazu das System handlungsfähig zu halten und laufend an den Existenzgrund anzupassen. Zur Bildung eines echtes Teams ist z.B. eine Machtkampfphase notwendiger Entwicklungsbestandteil („Storming“). Dennoch ist man Machkämpfen nicht hilflos ausgeliefert. Man hat vor allem Einfluss auf Wahl der Arena und die Auswahl des Zeitpunktes.

Die Wahl der Arena

Machtkämpfe haben viele Arenen. Eine wichtige Unterscheidung sind Arenen auf der Bühne, im Gegensatz zu Arenen hinter der Bühne. Ein Machtkampf auf der Bühne ist öffentlich und hat ein Publikum und findet z.B. auf öffentlichen Sitzungen, im Interview, in offenen Briefen statt. Hingegen hat der Machtkampf hinter der Bühne entsprechend kein Publikum – hier sind persönliche Gespräche und direkte Kommunikation die Plattform. Der Machtkampf auf der Bühne ist wirkungsvoller, schneller, hinterlässt aber eher Verlierer und ist deutlich konfrontativer. Die Konfrontation hinter der Bühne dauert dagegen länger, ist aber gesichtswahrender, erlaubt eher Rückzieher und als Ergebnis die Verhandlung guter Kompromisse. Dies ist oft geeignet zur Vorbereitung eines späteren Machtkampfes vor der Bühne, beispielsweise um Teile des Publikums im Vorfeld auf  seine Seite zu ziehen.

Die Wahl des Zeitpunktes

Wichtig ist der Nutzen, den Sie sich von der Führung eines Machtkampfes erwarten. Die erste Frage sollte sein: „lohnt es sich an diesem Punkt einzusteigen?“ Die zweite Frage dient der Prüfung seiner inneren Verfassung, d.h. „Wie gerüstet bin ich aktuell für einen Machtkampf zu diesem Zeitpunkt?“ Unabhängig der inneren Verfassung kann man nach außen stark und schwach auftreten. Dennoch wirkt die innere Verfassung deutlich mit. Machtkämpfe mit einer innerlich schwachen Verfassung werden gerne verloren, auch bei einem starken Auftreten nach außen. Ein typisches Verhalten hier wäre lautes Schimpfen, aber ohne sich in der Sache durchzusetzen. Das entspricht dem Beschweren über Vordrängler in der Schlange, den Drängler aber gewähren lassen und stellt einen verlorenen Machtkampf dar. Machtkämpfe, die innerlich und nach außen schwach geführt werden, werden häufiger gewonnen. Die Stimmigkeit von Verfassung und Auftreten führt zu einer „authentischen“ Wirkung. Ein typisches Verhalten hier wäre ein zaghaftes Äußern eines Anliegens, welches im Idealfall halbwegs klaglos akzeptiert wird. Beispielsweise fünf Minuten vor Check in am Schalter freundlich um ein Vorlassen bitten: „ja, man ist zu spät, aber der Flug wäre schon ganz wichtig?!“ Einen Machtkampf mit einer starken inneren Verfassung nach außen stark und hart zu vertreten, entspricht dem klassischen Bild des Machtmenschen. Viele der so geführten Machtkämpfe werden schnell und nachhaltig gewonnen.Die wesentliche Schattenseite dabei ist , dass Verlierer produziert werden und man so an Ruf und damit an Rückhalt und späteren Einfluss verlieren kann. Zur Aufrechterhaltung der Position müssen dann wieder zusätzliche Machtkämpfe geführt werden. Am Ende entsteht das Bild des rücksichtslosen Machtmenschen, mit dem im Zweifel keiner gerne zusammenarbeitet. Beispiel: Derjenige, der sich ohne die Warteschlange eines Blickes zu würdigen zum anrollenden Taxi geht und einsteigt. Jemand, der Mitarbeiter bei Fehlern öffentlich, unmittelbar und direkt zurechtweist. Dies ist in einer Projektsituation in den meisten Fällen auf Dauer nicht hilfreich.

Die effektivste Methode Machtkämpfe zu führen ist aus einer innerlich starken Verfassung heraus nach außen schwach aufzutreten. Diese Machtkämpfe dauern oft länger, werden aber sehr häufig am Ende gewonnen. Das schwache Auftreten nach außen wirkt gesichtswahrend für das Gegenüber und ist eine gute Basis für eine dauerhafte Zusammenarbeit.Schwach und stark sind hier natürlich nur Modelle, in der Realität wird man es auch nicht schaffen, immer eine innerlich starke Verfassung zu halten. Nützlich ist es zu wissen, dass die innere Verfassung schwer kaschiert werden kann.

Umgang mit spontanen Machtkämpfen

Als Projektleiter ist man sichtbar und wird im Projektalltag auch gerne spontan zu Machtkämpfen eingeladen. Nehmen wir die Situation: Mitten im Lenkungsausschuss stellt jemand den Scope des Projektes generell in Frage und beantragt das Projekt auf Stopp zu setzen. Sie sind der Meinung dies wäre ein Fehler.

Wie reagieren Sie nun? Die Arena ist gewählt vor der Bühne, Ihre Verfassung ist „Zufall“, das Thema scheint wichtig. Im Kern haben Sie in solchen Situationen drei Optionen:

  • Das Angebot ausschlagen. Sie nehmen den Machtkampf nicht an, beziehen keine Position und lassen den Vorschlag lächelnd an sich abperlen. Hier haben Sie natürlich die höchste Wahrscheinlichkeit, den Kampf einfach zu verlieren. Zu empfehlen bei unwichtigen Machtkämpfen, an denen man keine Energie verwenden möchte.
  • Den Kampf vertagen Sie versuchen Arena und Zeitpunkt zu verändern. Sie müssen jetzt nicht den Kampf führen und haben Zeit sich vorzubereiten. Ihr Gegenüber kann dort oft nichts sachlich einwenden, auch wenn es ihm nicht passt.
  • Sofortiges Dominanzverhalten zeigen. Sie prüfen Ihre Optionen und innere Verfassung und nehmen den Kampf sofort an, beantragen Redezeit, stellen z.B. einen Gegenantrag, deklarieren Sie ggf. den Machtkampf als solchen. Machen Sie die Zuschauer zu Ihren Verbündeten. Wenn Sie auf der Bühne vorbereitet sind, können Sie hier schnell zum Ziel kommen.

Das Wichtigste ist: Prüfen Sie sich immer wieder, ob Sie einen Machtkampf im Interesse Ihrer Aufgabe führen: Machtkämpfe sind kein Selbstzweck!

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