Von: Rainer Raupach am 24. November 2013 In: NOVEDAS Comments: 0

Die Systemik sowie systemische Beratung und Therapie sind Disziplinen der Psychologie, die auf modernen Konzepten systemtheoretischer Wissenschaft beruhen. Diese Konzepte haben inzwischen übergreifend Einzug in die Natur-, Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gehalten und werden dort in unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt. Der vorliegende kurze Text stellt Grundlagen der Systemik sowie der systemischen Beratung in Unternehmen kurz dar.

SYSTEMIK

Zur Erinnerung: als System wird eine Gesamtheit von Elementen bezeichnet, die so aufeinander bezogen oder miteinander verbunden sind und wechselwirken, dass sie als sinn- oder zweckgebundene Einheit wechselwirken können. Systeme begegnen uns in unserem täglichen Leben sehr häufig: Automobile und Computer (als Beispiele technischer Systeme), Ameisenvölker und Wälder (als Beispiele für biologische und Ökosysteme), Planeten (als Beispiel physikalischer Systeme) und natürlich auch Familien und Unternehmen (als Beispiele organisatorischer oder sozialer Systeme).

Eine wesentliche Eigenschaft von Systemen ist die Komplexität, die sich bei steigender Anzahl von Elementen oder deren eigenem, komplexen Verhalten ergibt. Diese Komplexität führt häufig zu nichtlinearem, d.h. nur schwer vorhersagbarem Verhalten: kleine Änderungen an komplexen Systemen können mitunter große Auswirkungen haben. Unternehmen als komplexe Systeme mit komplexen Elementen (Mitarbeitern) zeigen gerade bei Veränderungen häufig ein nicht vorhersagbares Verhalten.

Die Systemik geht weiterhin davon aus, dass jeder Mensch (in einem System) seine eigene Wahrnehmung hat und sich seine eigene Realität aus dieser individuellen Wahrnehmung konstruiert (Konstruktivismus). Dieses ist für sich gesehen ein gefährlicher – weil instabiler – Zustand: wenn jeder Mensch in seiner eigenen, von den Realitäten seiner Mitmenschen verschiedenen Realität lebt, so lässt sich ein Zusammenleben oder gar ein Zusammenwirken nicht vorstellen – die Folge wäre Isolation und Anarchie, im Falle eines Unternehmens das komplette Nichtfunktionieren. Also versucht jeder normale (nicht erkrankte) Mensch, seine eigene Realität mit der seiner Mitmenschen und Kollegen durch Kommunikation zumindest soweit in Deckung zu bringen, dass eine Gemeinschaft, Zusammenleben und –arbeiten möglich werden. Kommunikation zwischen Menschen ist somit überlebenswichtig in einem System und wird daher im Rahmen der Systemik als essentiell angesehen.

SYSTEMISCHE BERATUNG UND PROJEKTMANAGEMENT IN UNTERNEHMEN

Die systemische Beratung als Disziplin der Systemik befasst sich mit Frage- und Problemstellungen in sozialen Systemen wie z.B. Organisationen und Familien. (Ausgenommen sind davon krankheitsbedingte Fälle, die ärztliche bzw. therapeutische Intervention erfordern.)

Insbesondere sind dabei Veränderungen sowohl in privaten als auch organisatorischen Situationen Auslöser für Probleme – durch eine (wahrgenommene) Veränderung jedweder Art wird immer die selbst konstruierte Realität verändert. Dieses ist auch der Fall, wenn aus Sicht anderer keine Veränderung vorliegt. Durch die Veränderung gibt es dann wiederum häufig Anpassungen in der Kommunikation – schließlich muss der einzelne wieder versuchen, seine Realität mit der z.B. seiner Kollegen in Deckung zu bringen.

Organisationsveränderungen sind nun eine potenzierte Version der Veränderung: hier ändert sich nicht nur die Realität für die betroffenen Mitarbeiter (durch neue Aufgaben, Rollen, Vorgesetzte), sondern auch die Kommunikationswege zu Kollegen und Vorgesetzten verändern sich und machen daher den Abgleich der eigenen, neuen Realität mit der ihrer Kollegen erst einmal schwieriger bzw. unmöglich.

Infolge dieser durch Veränderungen verursachten Schwierigkeiten kommt es bei organisatorischen Veränderungen häufig zu bremsendem Verhalten, Blockaden, (zeitweiser) innerer Kündigung, Abspaltungen, Fehlausrichtungen und „Aneinander-vorbei-arbeiten“ sowie Passivität. In wenigen Fällen finden sich Betroffene in der Realität der neuen Struktur überhaupt nicht wieder, sehen keine Perspektive und verlassen das Unternehmen.

Systemische Berater helfen dabei, diese Schwierigkeiten entweder zu vermeiden oder zumindest die Auswirkungen zu minimieren. Denn zu Beginn jeder von oben herab geplanten Veränderung steht die Wirklichkeitswahrnehmung des Management, die sich in vielen Fällen nicht mit der Wahrnehmung aller Betroffenen in der Organisation deckt.

Dabei werden durch systemische Berater in manchen Fällen Situationen identifiziert und gelöst, die der Fachmann als „Problemtrance“ bezeichnet – ein Deadlock bzw. Blockade Beteiligter, die zu für die Organisation sehr schädlichem Stillstand führt – gerade in Veränderungsprozessen, in denen die alten Abläufe und Strukturen nicht mehr gelten und die neuen noch nicht wirksam sind.

Die dabei verwendeten Methoden sind vielfältig, zielen aber immer darauf ab, die Ressource Mensch (hierbei sind sowohl das Management als auch die betroffenen Mitarbeiter gemeint) im Sinne der gemeinsamen Sache und damit im Sinne des Unternehmens zu aktivieren und zu mobilisieren. Dazu werden in sehr vielen Fällen gemeinsam mit den Beteiligten nicht Lösungen erster Ordnung gesucht („einfach mehr vom selben“), sondern auch Lösungen zweiter Ordnung („was können wir anders machen, um das Ziel zu erreichen?“).

Eine Reihe von erprobten Interventionen und Methoden sind dabei das Handwerkszeug des systemischen Beraters, die in vielen Fällen erfrischend einfach und verständlich sind sowie schnell wirken. Systemische Beratung reiht sich somit in die üblichen, bewährten Management-Methoden ein und ist kein „Beratungs-Voodoo“.

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